Zwei Jahre Herdenschutzprojekt auf der Fläche
Seit der Rückkehr von Wölfen Nach Baden-Württemberg beschäftigt das Thema „Herdenschutz“ viele Weidetierhaltende. Innerhalb der ausgewiesenen Förderkulisse Wolfsprävention Schwarzwald fördert das Land die Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen. Zudem wird landesweite eine kostenlose Herdenschutzberatung für Weitetierhaltende angeboten, welche von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) koordiniert wird. Nach einer Vor-Ort-Beratung sind die Tierhaltenden hinsichtlich Beantragung und Umsetzung der Maßnahmen bisher auf sich alleine gestellt. Um die Umsetzbarkeit von ausgewählten Herdenschutzmaßnahmen insbesondere in der Rinderhaltung einem Praxistest zu unterziehen, wurde im Herbst 2023 das vierjährige „Herdenschutzprojekt Südschwarzwald“ initiiert. Am 7. Oktober 2025 lud das Projekt zur Halbzeitbilanz in den Wälder:Genuss im Bärental. Mit am Tisch saßen die Projektinitiatoren: Erzeugergemeinschaft Schwarzwald Bio-Weiderind, Badischer Landwirtschaftlicher Hauptverband, Naturpark Südschwarzwald e. V. sowie Vertreter der Abteilung Naturschutz des Umweltministeriums Baden-Württemberg und der FVA.
Das Herdenschutzprojekt kommt auf die Fläche
Nach fast zwei abgeschlossenen Weidesaisons zeigt sich: Herdenschutz ist auf den Projektbetrieben angekommen. Insgesamt wurden die 15 Pilotbetriebe und noch weitere Betriebe außerhalb des Projekts intensiv beraten sowie in der Umsetzung des Herdenschutzes begleitet. Im Schnitt investierte der Berater rund 17 Stunden pro Betrieb, was deutlich über den Aufwand hinaus geht, den die klassische Herdenschutzberatung des Landes aktuell leisten kann. Doch der Aufwand lohnt sich: Unterstützung beim Förderantrag spart Tierhaltern und den unteren Naturschutzbehörden wertvolle Zeit und erleichtert die Umsetzung der geplanten Maßnahmen.
In den ersten beiden Projektjahren wurden zahlreiche Gelegenheiten geschaffen, mit Tierhaltenden und Interessierten ins Gespräch zu kommen. Zehn Weidestammtische, zwei Weideabende, drei Online-Schulungen und fünf Gruppenberatungen haben rund 320 Tierhaltende direkt erreicht. Darüber hinaus wurden vier Fachvorträge gehalten, fünf Standauftritte wie beispielsweise auf Naturpark Märkten sowie dem Agrikulturfestival organisiert und elf Weidebegehungen mit dem Abteilungsleiter Naturschutz des Umweltministeriums Baden-Württemberg Herrn Lieber durchgeführt. Insgesamt kamen so über 550 Personen mit dem Projekt in Kontakt.
Auch in zahlreichen weiteren Austauschformaten wie der AG Luchs und Wolf, der AG Landwirtschaft, bei 9 Fachtagungen und Exkursionen, Versammlungen der Projektbetriebe, Austausch mit NABU und BUND, 6 Gemeinderatssitzungen, einem Arbeitstreffen mit Touristikern und zwei Austauschterminen mit den Unteren Naturschutzbehörden wurde an der Vernetzung, Zusammenarbeit und einem Austausch auf Augenhöhe gearbeitet. Ein besonderer Moment war der für alle Beteiligten sehr erfolgreiche Freiwilligeneinsatz auf einem Projektbetrieb. Dort fanden sich 15 engagierte Menschen zusammen, um einen Nebenerwerbslandwirt bei der Errichtung einer Mobilzaunanlage zu unterstützen und sich damit für den Erhalt unserer Kulturlandschaft und die Erhaltung der Weidetierhaltung einzusetzen.
Das Projekt ist auf Instagram aktiv und informiert mit einem eigenen Newsletter und über die eigene Homepage über aktuelle Entwicklungen, Veranstaltungen und praktische Tipps rund um den Herdenschutz. Besonders beliebt sind das eigens entwickelte Herdenschutz-Wimmelbild sowie ein XXL-Quiz, das auf Naturparkmärkten und weiteren Veranstaltungen zum Einsatz kommt. So wird Herdenschutz (be)greifbar, auch für Menschen ohne landwirtschaftlichen Hintergrund.
Was hat sich durch das Projekt auf der Fläche verändert?
Die FVA, die den Herdenschutz im Land koordiniert, zog eine positive Zwischenbilanz: Das Projekt hat sich als echter Katalysator in der Umsetzung von Maßnahmen in den Betrieben aber auch der Erfassung von Knackpunkten im Thema Herdenschutz erwiesen.
Ergänzend zur Herdenschutzberatung des Landes, die kostenlos für Tierhaltende in ganz Baden-Württemberg zur Verfügung steht, konnte das Projekt die 15 Pilotbetriebe tiefergehend zu allen Details der Auswahl, Umsetzung und Förderbeantragung von Herdenschutzmaßnahmen begleiten. Durch diesen detaillierten Austausch kann auf der einen Seite die Qualität der Maßnahmen auf den Projektbetrieben sichergestellt werden und auf der anderen Seite Aufwand, Problemstellungen und Nachbesserungsbedarf aus der Erfahrung der Betriebe direkt an die Politik kommuniziert werden. Praxisnahe Herdenschutzmaßnahmen werden erprobt und weiterentwickelt, was den Tierhaltenden direkt zugutekommt.
Die positiven Effekte und die enge Vernetzung zwischen dem Herdenschutzprojekt und der landesweiten Herdenschutzberatung zeigen sich zudem in der Besucherzahl sowie dem interessierten und fairen Austausch auf den gemeinsamen Veranstaltungen.
Die im Rahmen des Projektes durchgeführten Informationsveranstaltungen zur Antragsstellung beantworteten viele Fragen und halfen offenbar bürokratische Hemmschwellen abzubauen, was sich in den zahlreichen Förderanfragen bei den unteren Naturschutzbehörden unmittelbar nach den Infoabenden zeigt. Auch der Austausch mit den Förderverantwortlichen in den Landkreisen begünstigt den unkomplizierteren und effizienten Ablauf der Beantragung.
Besonders hervorzuheben ist der vertrauensvolle und offene Dialog zwischen allen Beteiligten. Dies stellt einen zentralen Erfolgsfaktor für die Umsetzung und Weiterentwicklung von Herdenschutzmaßnahmen dar.
Diskussion aus der Praxis: Herausforderungen und Lösungsansätze
In dem Halbzeitgespräch wurden in einer offenen Diskussionsrunde weitere zentrale Praxisthemen aufgegriffen. Darunter der Ablauf bei einem Rissgeschehen – von der Rissbegutachtung, dem optionalen Transport der Tierkörper bis hin zur DNA-Auswertung. Die für das Wolfsmanagement verantwortlichen haben sich gemeinsam mit den Akteuren im Herdenschutzprojekt zum Ziel gesetzt, den gesamten Ablauf von Rissereignissen bis zur Kommunikation der Ergebnisse zu durchleuchten, wo sinnvoll anzupassen und Informationsveranstaltungen für die Tierhaltenden anzubieten.
Weitere Themen waren die von vielen Tierhaltenden erwünschte Abnahme von Herdenschutzzäunen, der Ausbau der landesweiten Herdenschutzberatung und Umsetzungsbegleitung sowie die Grenzen des Herdenschutzes auf technisch schwer schützbaren Flächen oder in Sondersituationen. Der Umgang mit ausbrechenden Herden und die Unterstützung für die Betriebe in diesen Fällen wurden ebenfalls diskutiert. Es kam zudem die Frage auf, wie die Einbindung von Jägern und Förstern im landesweiten Monitoring noch verstärkt und flächendeckend genutzt werden kann. Hier möchten die FVA und das Herdenschutzprojekt in der zweiten Projekthalbzeit gemeinsam mit der Jägerschaft vor Ort den Dialog suchen.
Ausblick: Die zweite Projekthalbzeit beginnt
Mit Blick auf die zweite Projekthalbzeit wurden neue Schwerpunktideen gesammelt. Viele Betriebe treibt der Ausbruch von ganzen Rinderherden sehr um. Ob ein solcher Ausbruch auf Wölfe zurückzuführen ist, ist mit den herkömmlichen Monitoring Methoden in aller Regel nicht zu beantworten – viele andere Ursachen kommen ebenfalls in Frage. Auf Wunsch der Projektbetriebe sollen die Hegeringe über die Meldewege im Monitoring aufgeklärt und intensiver eingebunden werden. Möglicherweise könnte dadurch das Monitoring punktuell verbessert werden, was neben dem Herdenschutz auch dem zukünftigen Wolfsmanagement zugutekommen, denn jeder Nachweis von Wölfen trägt dazu bei, die Raumnutzung der Tiere besser darstellen zu können.
Auch die Zukunft des Projekts über das geplante Ende hinaus wurde thematisiert. Aus Sicht des Naturparks besteht großes Interesse an einer Projektverlängerung. Die strukturelle Weiterentwicklung vom Projekt zum Programm sollte weiterverfolgt werden. Das über die Jahre aufgebaute Wissen, etwa zum Thema Zaunbau und zumutbarer Herdenschutz beim Rind, dürfe nicht verloren gehen.
Ein weiteres Treffen zur Themenfindung für die zweite Projekthalbzeit ist bereits in Planung.

