Geisingen/Kirchen‑Hausen, Elzach‑Yach, Grafenhausen: Wie lassen sich Weidetiere unter den Bedingungen im Südschwarzwald wirksam vor Wolfsübergriffen schützen und wie sieht Zäunung nach guter fachlicher Praxis aus? Diese Fragen standen im Mittelpunkt von drei Weidestammtischen des Herdenschutzprojekts Südschwarzwald, in Kooperation mit der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden‑Württemberg (FVA) im Mai. Rund 110 Tierhaltende nutzten die Möglichkeit, sich direkt auf der Fläche zu praxisnahen Maßnahmen im Herdenschutz zu informieren und auszutauschen.
Mit etwa 35 bis 40 Teilnehmenden pro Termin stieß das Format auf großes Interesse, insbesondere bei aktiven Weidetierhalterinnen und Weidetierhaltern.



Zaunsysteme im Vergleich: Praxis zum Anfassen und Ausprobieren
Im Zentrum der Abende stand die Wirkung und Umsetzbarkeit unterschiedlicher Zaunsysteme unter den besonderen Bedingungen im Südschwarzwald mit teils steilen, kleinstrukturierten Flächen. Herdenschutzberater Simon Zimmermann stellte verschiedene Systeme vor. Die Teilnehmenden konnten die Materialien direkt vergleichen, anfassen und selbst ausprobieren. Dabei wurden die jeweiligen Vor- und Nachteile der Systeme in Bezug auf Haltbarkeit, Arbeitsaufwand und Handhabung aufgezeigt.
Besonders deutlich wurde, dass ein sauber aufgebauter und gut leitender Elektrozaun entscheidend für die Schutzwirkung und die Hütesicherheit sein kann. So zeigte sich in der Vorführung, dass es sinnvoll ist, einen zusätzlichen Zaunpfahl zu setzen, um ungleichmäßiges Gelände auszugleichen, statt an Material zu sparen.
Auch die Wahl der Materialien spielt eine große Rolle: Hochwertige Fiberglas-Zaunpfähle und passende Isolatoren können zwar zunächst höhere Kosten verursachen, erleichtern jedoch langfristig den Auf- und Abbau und erhöhen die Stabilität des Zaunsystems. Gleichzeitig wurde deutlich, dass neue Entwicklungen wie geflochtene Litzen dazu beitragen können, die Leitfähigkeit und damit die Wirkung des Elektrozauns zu verbessern. Auch die Bedeutung einer fachgerechten Erdung wurde hervorgehoben:
„Ohne ausreichende Erdung lässt sich die notwendige Spannung im Zaun nicht erreichen, die abschreckende Wirkung bleibt dann aus.“ so Herdenschutzberater Simon Zimmermann. In Kleingruppen wurde daher gezeigt, wie die Erdung im eigenen Betrieb überprüft und gegebenenfalls verbessert werden kann.
Praktische Hilfsmittel wie eine Zaunbau-Schubkarre oder ein speziell für den Zaunbau umgerüstetes Quad wurden vorgeführt und stießen auf großes Interesse, insbesondere im Hinblick auf eine Arbeitserleichterung bei größeren Flächen und längeren Wegen.



Die Veranstaltungen zeigten deutlich: Neben der Wahl des richtigen Materials kommt es vor allem auf sauberes Arbeiten, regelmäßige Kontrolle und eine durchdachte Organisation der Arbeitsabläufe an, um eine dauerhaft wirksame Schutzwirkung zu erreichen.
Erfahrungen aus zwei Weidesaisons
Projektkoordinatorin Rebecca Müller stellte Ergebnisse und Erfahrungen aus zwei begleiteten Weidesaisons vor. Im Rahmen des Projekts wurden 15 Pilotbetriebe bei der Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen unterstützt, die nun auf den jeweiligen Flächen erprobt werden. Deutlich wurde, dass es keine allgemeingültigen Lösungen gibt: Erfolgreicher Herdenschutz erfordert betriebsindividuelle Anpassungen, abgestimmt auf Flächenstruktur, Tierart und Bewirtschaftungsform.
Der Austausch verlief in beide Richtungen: Neben den Erkenntnissen aus der Projektarbeit flossen auch praktische Erfahrungen der Betriebe ein: Etwa zur Materialwahl oder zum täglichen Management von Weideflächen.
Ergänzt wurden die Abende durch Beiträge von Fachleuten der FVA, die über aktuelle Entwicklungen im Wolfsmonitoring sowie über die fachlichen Grundlagen des Herdenschutzes informierten.
Hoher Austauschbedarf in der Praxis
Die Veranstaltungen machten deutlich, dass der Informations- und Austauschbedarf in der Praxis weiterhin hoch ist. Viele Fragestellungen entstehen im laufenden Betrieb und lassen sich am effektivsten im direkten Austausch mit Fachberatung und Kolleginnen und Kollegen klären.
Die Weidestammtische boten hierfür einen praxisorientierten Rahmen, direkt auf landwirtschaftlichen Betrieben.
Herdenschutzförderung aktuell unklar
Neben fachlichen Themen wurde auch die aktuellen Entwicklung der Rahmenbedingungen diskutiert. Durch die Aufnahme des Wolfs in das Jagdgesetz hat sich die Zuständigkeit für den Herdenschutz in Baden-Württemberg vom Umweltministerium auf das Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat verlagert.
In der Praxis ist derzeit noch unklar, wie es mit der Förderung für Herdenschutzmaßnahmen weitergeht.
Herdenschutz als dauerhafte Aufgabe
Die hohe Beteiligung an den Weidestammtischen unterstreicht die wachsende Bedeutung des Herdenschutzes für die Weidetierhaltung im Südschwarzwald. Herdenschutzmaßnahmen sind für viele Betriebe bereits fester Bestandteil des Arbeitsalltags geworden und werden auch künftig eine zentrale Rolle spielen.
Das Herdenschutzprojekt Südschwarzwald wird den Austausch mit den Betrieben fortführen, praxisnahe Lösungen weiterentwickeln und Erfahrungen aus der Umsetzung in die fachliche und politische Diskussion einbringen.


